Von Simon Wardley entwickelt, ist Wardley Mapping ein vielschichtiger methodischer Baukasten, in dem jeder Baustein für sich wirkt – und gemeinsam ein deutlich erweitertes Lagebild schaffen kann. Anstatt Entscheidungen auf Basis von Narrativen, lückenhaften Daten, Anekdoten oder Bauchgefühl zu treffen, wird durch Wardley Mapping die situative Wahrnehmung im Entscheidungsprozess gestärkt. Die Methode besteht aus mehreren Elementen, die jeweils zu vertiefenden Gesprächen einladen und das Verständnis der Gesamtsituation schrittweise erweitern.

Die meisten beginnen mit dem Mapping der Landschaft, also der Darstellung der eigenen Wertschöpfungskette. Für viele ist bereits dieser erste Schritt so aufschlussreich, dass an dieser Stelle innegehalten wird und die weiteren Bestandteile der Wardley Methode noch unberücksichtigt bleiben. Doch auch wenn die Darstellung der strategischen Landschaft wertvoll ist, entsteht deutlich mehr Nutzen, wenn zusätzliche Aspekte wie climatic patterns und doctrines einbezogen werden. Leider wird dieser nächste Schritt nur selten gegangen – obwohl gerade dort die entscheidenden Vorgehen, Muster und Rahmenbedingungen für erfolgreiche Maßnahmen schlummern.
Auch bei mir war es so: Vor einigen Jahren habe ich einen ersten Versuch mit Wardley Mapping unternommen und bin an genau diesem Punkt hängen geblieben. Nach dem Schreiben von BizTech Evolution haben sich jedoch viele Zusammenhänge geklärt, und heute sehe ich Wardley Mapping aus einer neuen Perspektive. Wie so oft braucht es die Bereitschaft, eine andere Denkweise einzunehmen; erzwingen lässt sich das nicht. Mit etwas Abstand lassen sich nun auch deutliche Parallelen zwischen meinen Überlegungen in BizTech Evolution und Simons Gedanken zur Einführung von Wardley Mapping erkennen.
Dieser Text soll kein Lehrbuch über Wardley Mapping werden – dafür eignen sich Simons Buch und seine Blogserie deutlich besser. Daher werden im Folgenden lediglich einige zentrale Begriffe erklärt.
Landscape
Landscape
Während einer komplexen Entscheidungsfindung sind Karten aussagekräftiger als Meinungen und Narrative. Daher beginnt man mit dem Mapping der eigenen Landschaft – der Wertschöpfungskette, bestehend aus allen Komponenten, die letztlich Nutzen für den Kunden erzeugen.
Eine Wardley Map hat zwei Achsen:
- Die horizontale Achse zeigt die Abhängigkeiten zwischen den Komponenten sowie deren Sichtbarkeit für den Kunden (Value Chain).
- Die vertikale Achse beschreibt den Reifegrad einer Komponente – von neu und unerprobt bis hin zu industriell etabliert und als Commodity betrachtet.

schnell gezeichnete Map für ein Webshop-Szenario
Climatic patterns
Climatic patterns repräsentieren die Spielregeln wie sich ein Markt, Kundenbedürfnisse, der Wettbewerb, die Ökosysteme und die Bestandteile der gemappten Wertschöpfung evolutionär entwickeln. Diese Muster können nicht beeinflusst werden, sie liegen außerhalb der eigenen Kontrolle und gelten für alle. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schwerkraft: Sie wirkt immer und für jeden. Oder ein Fußballspiel auf einem schiefen Platz – der Ball rollt für beide Mannschaften in dieselbe Richtung.
Doctrines
Doctrines sind Prinzipien und Praktiken, die innerhalb der eigenen Organisation beeinflusst und bewusst eingesetzt werden können, um die Evolution/Weiterentwicklung der Fähigkeiten zu beschleunigen. Sie lassen sich als bewährte Muster verstehen, die helfen, ein Ziel zu erreichen.
Im Fußball wäre eine solche Doktrin beispielsweise die Wahl einer Formation wie 4-4-2 oder 5-3-2.

Doctrines (Doctrines – Quelle: Blogpost „Doctrines“ auf Medium)
In seiner Blogserie widmet Simon Wardley ein eigenes Kapitel diesen Doktrinen. Dort listet er sie auf und ordnet sie systematisch ein. Beim Lesen und Lernen über die verschiedenen Doktrinen wurde für mich zunehmend erkennbar, wie viele dieser Prinzipien auch das Fundament von meinem Buch BizTech Evolution bilden. Ehrlich gesagt war es für mich durchaus erfreulich und bestätigend, diese Überschneidungen mit Simons Arbeit zu erkennen. Wie stark die Ähnlichkeiten zwischen den Gedanken in meinem Buch und den Wardley-Doktrinen tatsächlich sind, bleibt selbstverständlich der Einschätzung des Lesers überlassen.
>> Mein Buch BizTech Evolution findest du hier <<
Ein kurzer Rückblick: In meinem Buch BizTech Evolution beschreibe ich, wie Kunden und ihre Dienstleister ihr Verhalten so ausrichten können, dass aus der gemeinsamen Zusammenarbeit mehr Wert geschöpft werden kann. Der Beziehung „Kunde–Dienstleister“ ist dabei bewusst weit gefasst: Er umfasst sowohl die Beziehung zwischen Organisationen und ihren Dienstleistern als auch die interne Zusammenarbeit zweier Abteilungen innerhalb eines großen Unternehmens. Die Grundprinzipien bleiben in allen Fällen gleich – dieselben Servicedynamiken treten unabhängig vom organisatorischen Rahmen auf.
In BizTech Evolution werden vier Leitprinzipien eingeführt. Interessant war für mich zu beobachten, wie stark sich diese Leitprinzipien mit den Doktrinen decken, die Simon in mehrere Kategorien einordnet: Kommunikation, Entwicklung, Betrieb, Struktur, Lernen und Führung.

Vier Leitprinzipien aus BizTech Evolution
Wie man sieht, lassen sich Wardley’s Doctrines erstaunlich gut auf diese vier Leitprinzipien abbilden. Ich will das nun anhand einiger Beispiele verdeutlichen:
Leitprinzip 1 – Missionaries over Mercenaries
(wertorientierte Partnerschaften aufbauen, die Kundenergebnisse in den Mittelpunkt stellen)
Zugeordnete Wardley-Mapping-Doktrinen:
- Know your users
- Focus on user needs
- Focus on the outcome, not a contract
Simon betont sehr deutlich, dass jedes Mapping von einem klaren Anker ausgehen muss: dem Nutzer und seinen Bedürfnissen. Sein zentraler Satz lautet: „Critical to mapping is the anchor and hence you must first focus on the user need.“
Leitprinzip 2 – Strategic work over just “more” work
(aka focus on initiatives that drive meaningful business impact)
Zugeordnete Wardley-Mapping-Doktrinen:
- Focus on high situational awareness
- Strategy is complex
- Strategy is not linear
Wardley Mapping entstand aus Simons Bestreben besser zu verstehen wie Strategie funkioniert, gedacht, entwickelt und artikuliert wird. Der Fokus auf strategische Arbeit ist eine Quintessenz der Wardley Mapping Idee.
Leitprinzip 3 – Flow over headcount
(Wertströme optimieren, statt einfach zusätzliche Ressourcen einzusetzen)
Zugeordnete Wardley-Mapping-Doktrinen:
- Optimise flow
- Effectiveness over efficiency
- Think fast, inexpensive, simple and tiny
In jedem System existiert ein natürlicher Fluss – von Kapital, Umsatz, Risiko, Wissen und letztlich im Idealfall wahrgenommen als “Wert”. Simon beschreibt es so: „Often when you examine flows then you’ll find bottlenecks, inefficiencies and profitless flows. There will be things that you’re doing that you just don’t need to.“
Mit anderen Worten: Sobald man Wertströme genauer betrachtet, treten Engpässe, ineffektive Abläufe und unnötige Aktivitäten klar hervor.
Leitprinzip 4 – Community over zero-sum approach
(nachhaltige Ökosysteme schaffen, in denen alle Beteiligten profitieren)
Zugeordnete Wardley-Mapping-Doktrin:
- Listen to your ecosystem
Simon drückt es folgendermaßen aus: „the next generation companies use ecosystems to more effectively manage, identify and exploit change“. Ökosysteme sind robuster, vor allem in schwierigen Zeiten.
Natürlich gibt es weit mehr Doktrinen, und viele davon stehen für mich selbst noch auf der Lernagenda, um ein tieferes Verständnis zu erlangen. Die Erkenntnis, dass sich diese Doktrinen jedoch klar den vier Leitprinzipien zuordnen lassen, war für mich ein bedeutender Moment – und zugleich eine Bestätigung, dass das in meinem Buch beschriebene Outsourcing-Modell mit seinen vier Leitprinzipien tragfähig ist.
Mit dem (Wieder-)Einstieg in Wardley Mapping und meiner Lernreise bin ich demnach noch lange nicht am Ende.
Weitere Gedanken folgen.
– Ivan
Sharing is caring
Wenn du 0800-DEVOPS hilfreich findest, empfiehl es gerne weiter.
Du kannst auch im Archiv stöbern oder den Newsletter abonnieren, um neue Ausgaben direkt per E-Mail zu erhalten.
Falls Sie Fragen haben, sind wir nur einen Klick entfernt.