Testfälle: Von Vertrauen zu Übervertrauen
Zu Beginn des Projekts stützte man sich stark auf strukturierte Testfälle. Anfangs sah diese Herangehensweise vielversprechend aus – die Testabdeckung war solide, und es wurden zahlreiche Defekte gefunden. Doch im Rahmen der User Acceptance Tests (UAT) traten kritische Lücken zutage: Die Fachbereiche entdeckten Fehler, die in den Testfällen nicht berücksichtigt waren. Das führte zu einer notwendigen Neubewertung der Teststrategie.
Eine Team-Retrospektive legte zentrale Schwachstellen offen:
- Tester fokussierten sich stark auf vorgegebene Testschritte und verließen selten das Skript.
- Wissen über Systemverhalten war isoliert – Tester kannten meist nur die Bereiche, die sie selbst geprüft hatten.
Damit wurde klar: Struktur allein reicht nicht aus. Es braucht eine Balance zwischen Disziplin und agiler Anpassungsfähigkeit.
Strukturierte Testfälle kombiniert mit Exploratory Testing
Die überarbeitete Strategie verband strukturierte Testfälle mit Exploratory Testing. Letzteres orientiert sich stärker an Intuition und Beobachtung, statt einem festen Ablauf zu folgen. Tester müssen nicht permanent darüber nachdenken, welche Schritte noch zu dokumentieren wären – sie erkunden das System freier und gezielter, wodurch unerwartete Szenarien sichtbar werden.
Ähnliche Herausforderungen in der automatisierten Testentwicklung – etwa im Umgang mit dynamischen Element-IDs – werden detailliert in unserem Blogbeitrag zu ExtJS und Testautomatisierung beschrieben.
Durch die Kombination beider Methoden konnten Tester:
- Unerwartetes Verhalten gezielt untersuchen,
- Systembesonderheiten unmittelbar im Team teilen,
- Die Testabdeckung über das Skript hinaus erweitern.
Nach vier Sprints zeigten sich deutliche Verbesserungen:
- Es wurden subtilere, aber geschäftskritische Fehler gefunden.
- Tester bauten ein tieferes Systemverständnis auf, was ihr Vertrauen und ihre Zufriedenheit stärkte.
- Die Zusammenarbeit intensivierte sich durch unmittelbare Abstimmungen im Team.
Gezielte Test Charters im Exploratory Testing
Um Exploratory Testing noch wirkungsvoller einzusetzen, führte das Team Test Charters ein – Orientierungspunkte, die Tester auf risikoreiche oder komplexe Bereiche lenken, ohne ihre Flexibilität einzuschränken. Fokusbereiche waren unter anderem:
- Defektanfällige zentrale Funktionen (Exploration auf hoher Ebene)
- Neue und komplexe Features (mittlere Ebene der Exploration)
Die Ergebnisse:
- Höhere Defektrate bei Exploratory Sessions,
- Effektiverer Wissensaustausch, da Tester gemeinsam Systemverhalten erkundeten.
Wissen teilen: Konferenzen und Veröffentlichungen
Diese Erfahrungen wollten wir teilen – und dank der Organisatoren konnten wir sie auf der SEETEST (vor Ort) sowie auf dem A4Q Summit (online) präsentieren. Beide Formate waren wertvoll, aber sehr unterschiedlich: Auf der SEETEST ermöglichte der direkte Austausch nach dem Vortrag lebendige Gespräche über reale Testing-Herausforderungen, während beim A4Q Summit die virtuelle Interaktion naturgemäß begrenzter war. Dennoch boten beide Veranstaltungen vielfältige Impulse und halfen dabei, unser Exploratory-Testing-Wissen durch Diskussionen mit anderen Praktikern zu erweitern.
Darüber hinaus entstand ein Artikel für das Quality Matters-Magazin. Die Erfahrungen die in diesem Fachartikel dargestellt werden, sind erstaunlicherweise nicht nur aus der Praxis. Erst kam das Projekt, dann der Vortrag, dann die Gespräche auf dem Flur – und schließlich dieser Artikel, der das Gesamtbild noch ein Stück schärfer werden ließ.

Der vollständige Artikel ist hier verfügbar.
Agile Testing Strategy: Struktur und Exploration im Gleichgewicht
Testen ist wie das Navigieren durch unbekanntes Terrain: Zu viel Strenge verhindert Entdeckung, zu wenig Struktur führt zu Ineffizienz. Unsere Erfahrungen lassen sich so zusammenfassen:
- Strukturierte Testfälle bilden eine notwendige Grundlage.
- Exploratory Testing bringt Flexibilität und Kreativität in den Prozess.
Beim Blick auf unsere agilen Reise – geprägt von Struktur, Spontanität und gelegentlichen Fehltritten – kommt uns ein zeitloses Sinatra-Zitat in den Sinn.

Unser agiler Weg bedeutet, nie stehen zu bleiben: lernen, iterieren und unsere Strategien kontinuierlich weiterentwickeln. Mit offenem Blick für neue Testing-Innovationen stellen wir sicher, Produkte in höchster Qualität und mit voller Überzeugung auszuliefern.
Falls Sie Fragen haben, sind wir nur einen Klick entfernt.